Im Gespräch mit Dr. Ismail Orbay

Ankunft und Persönlicher Hintergrund

Gastdozent Dr. Ismail Orbay 2026 an der EHB
© EHB/PÖA

Willkommen zurück an der EHB, Dr. Orbay! Sie waren bereits 2021/22 als Gastdozent hier. Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben – und was hat Sie dazu motiviert, jetzt zurückzukehren?

Vielen Dank, es ist wirklich schön, wieder an der EHB zu sein. Hierher zurückzukehren fühlt sich an wie die Rückkehr an einen Ort, an dem meine akademische Laufbahn eine wichtige Wendung genommen hat.

2021 habe ich sechs Monate als Gastdozent an der EHB verbracht und dort einen Kurs mit dem Titel Views of Gender in Türkiye unterrichtet. Gemeinsam mit den Studierenden haben wir geschlechterbezogene Themen sowohl aus der Perspektive lokaler Dynamiken als auch im Hinblick auf ihre globalen Auswirkungen in den Kontexten der Türkei und Deutschlands untersucht. Die Wissensproduktion in einem so internationalen Umfeld hat für mich und die Studierenden einen bedeutenden Raum für Entwicklung eröffnet.

Zugleich war es meine erste Erfahrung, eigenständig eine Lehrveranstaltung durchzuführen, was diese Zeit besonders prägend gemacht hat. Während meines Aufenthalts in Berlin habe ich außerdem mit der Arbeit an meiner Dissertation zur Sexarbeit begonnen und hatte die Möglichkeit, mit Sexarbeiter:innen und entsprechenden Organisationen in Kontakt zu treten. Dadurch konnte ich ein fundierteres Verständnis der internationalen Dimensionen von Sexarbeit entwickeln, das später auch meine Forschung in der Türkei geprägt hat.

Darüber hinaus habe ich enge akademische Kontakte an der EHB aufgebaut, insbesondere mit Prof. Dr. Rebekka Streck und Prof. Dr. Zülfukar Çetin, und wir sind auch nach meiner Rückkehr in die Türkei in engem Austausch geblieben. In den letzten Jahren habe ich weiterhin zwischen Ankara und Berlin gelehrt, teilweise sogar innerhalb derselben Woche, was meine Lehrperspektive zusätzlich bereichert hat. Mit der Zeit hat sich daraus eine kontinuierliche Zusammenarbeit entwickelt, und mit Unterstützung des DAAD freue ich mich sehr, nun als Gastdozentin an die EHB zurückzukehren.

Mit welchen Themen oder Fragestellungen der Sozialen Arbeit beschäftigen Sie sich derzeit besonders intensiv?

Auf Grundlage meiner praktischen Erfahrungen im Feld sowie meiner wissenschaftlichen Arbeit verorte ich mich an der Schnittstelle zwischen klassischer Sozialer Arbeit und machtkritischen bzw. antidiskriminierenden Ansätzen. Dabei interessiert mich insbesondere, wie Wissen in die Praxis übersetzt wird und wie Macht durch alltägliche Formen von Unterdrückung wirksam wird.

Meine zentralen Themenfelder sind Gender, Gewalt und Sexarbeit. Konkret beschäftige ich mich unter anderem mit Themen wie Slut-Shaming, psychischer Gewalt sowie den psychischen und STI-bezogenen Vulnerabilitäten von Sexarbeiter:innen – stets eng verknüpft mit den realen Erfahrungen aus der Praxis.

Gleichzeitig sehe ich Migration als ein zunehmend zentrales Thema. Obwohl Deutschland und die Türkei eine lange Migrationsgeschichte teilen, verändern sich die aktuellen Formen von Migration, und mein Aufenthalt in Berlin ermöglicht es mir, mich intensiver mit diesen neuen Dynamiken auseinanderzusetzen.

Können Sie uns kurz etwas über Ihren akademischen und beruflichen Hintergrund erzählen? Was hat Sie dazu bewegt, im Bereich der Sozialen Arbeit sowie zu Gender und sozialer Gerechtigkeit zu forschen?

Mein Interesse an Genderfragen entstand bereits während meines Bachelorstudiums, in dem ich meine Abschlussarbeit über physische Gewalt gegen Frauen geschrieben habe. Während meines Masterstudiums arbeitete ich zwei Jahre lang als Sozialarbeiter im Zentrum zur Prävention und Beobachtung von Gewalt in der Türkei.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie konkret sich Geschlechterverhältnisse in der Praxis manifestieren – insbesondere in der Arbeit mit Menschen, überwiegend Frauen, die von Gewalt bedroht sind, und im Rahmen einer feministischen Sozialen Arbeit.

Als ich später als wissenschaftliche Mitarbeiter an die Hacettepe-Universität kam, konnte ich diese Perspektive im Rahmen meiner Promotion und meiner akademischen Tätigkeit weiter vertiefen. In dieser Zeit habe ich mich intensiver damit auseinandergesetzt, wie Gender als soziale Realität wirkt, was meine Motivation, in den Bereichen Gender und soziale Gerechtigkeit zu forschen, weiter gestärkt hat.

Lehre

Sie unterrichten zu Themen wie Gender, Gewalt gegen Frauen, Sexarbeit und Public Health. Was sind die zentralen Schwerpunkte Ihrer Lehrveranstaltungen – und wie lassen sich diese Themen konkret in der Praxis der Sozialen Arbeit anwenden?

In all meinen Lehrveranstaltungen lege ich großen Wert auf aktive Beteiligung der Studierenden. Zwar erstelle ich vor Semesterbeginn einen ersten Plan, entwickle das Curriculum jedoch gemeinsam mit den Studierenden weiter. Dabei berücksichtige ich insbesondere die Themen, die sie selbst einbringen möchten. So entsteht ein Lernumfeld, das auf gemeinsamer Beteiligung statt auf hierarchischen Machtverhältnissen basiert – was ich als einen wichtigen Bestandteil antidiskriminierender Lehre verstehe.

Ein zentraler Schwerpunkt meiner Kurse ist kritisches Denken. Ausgehend von den Grundwerten der Sozialen Arbeit ermutige ich die Studierenden, scheinbar selbstverständliche Annahmen zu hinterfragen und darüber nachzudenken, wie Macht in alltäglichen sozialen Realitäten wirkt. Dieser Prozess der kritischen Reflexion eröffnet Räume, um dominante Narrative neu zu denken und sich in Richtung gerechterer und gleichberechtigterer Praxisformen zu bewegen.

In der praktischen Anwendung verbinde ich theoretisches Wissen konsequent mit realen Fallbeispielen aus meiner eigenen Feldarbeit und Forschung. Durch Fallanalysen, Praxisbeispiele und Erfahrungsberichte lernen die Studierenden, auf Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt oder Sexarbeit professionell, ethisch reflektiert und ohne Vorurteile zu reagieren. In diesem Sinne wird der Seminarraum zu einem Ort, an dem Theorie und Praxis kontinuierlich miteinander verknüpft werden.

In Ihrem Kurs „Gender and Sex Work in Turkey and Germany“ vergleichen Sie zwei Länder. Welche Chancen bietet diese internationale Perspektive den Studierenden, die sie sonst vielleicht nicht hätten?

Als jemand, der eine Doktorarbeit zum Thema Sexarbeit verfasst hat, die zudem ausgezeichnet wurde, bin ich überzeugt, dass Diskussionen zu diesem Thema die Stimmen von Sexarbeiterinnen in den Mittelpunkt stellen sollten. Da das Thema häufig starke moralische Urteile hervorruft, bemühe ich mich bewusst darum, Sexarbeiterinnen als aktive Mitwirkende in der Wissensproduktion einzubeziehen. Dadurch können sich Studierende nicht nur mit theoretischen Ansätzen auseinandersetzen, sondern auch mit gelebten Erfahrungen und Berichten aus erster Hand.

Der internationale Vergleich zwischen der Türkei und Deutschland bringt eine weitere wichtige Dimension hinzu. Auch wenn die beiden Kontexte auf den ersten Blick ähnlich erscheinen mögen, unterscheiden sich die tatsächlichen Gegebenheiten erheblich. Dies hilft Studierenden, vereinfachte Vorstellungen zu überwinden und zu erkennen, wie rechtliche, soziale und kulturelle Faktoren diese Erfahrungen prägen.

Infolgedessen sind die Studierenden besser darauf vorbereitet, professionell, reflektiert und auf Grundlage von Rechten mit Sexarbeiterinnen zu arbeiten. Da viele Sozialarbeiterinnen in diesem Bereich nur unzureichend ausgebildet sind, bin ich überzeugt, dass dieser Kurs einen besonderen und wertvollen beruflichen Vorteil bietet.

Was erwarten Sie von den Studierenden in Ihren Kursen – Neugier, Diskussionen, kritische Fragen? Und welche wichtigste Perspektive sollen sie mitnehmen?

Das Erste, was ich meinen Studierenden sage, ist, dass sie sich erlauben sollen, die Rolle als Studierende in meinem Kurs zu genießen. Ich möchte eine Atmosphäre schaffen, in der sie nicht durch die Angst vor Fehlern gehemmt werden, denn das ist entscheidend für aktive Beteiligung. Um dies zu fördern, setze ich Icebreaker und Rollenspiele ein, die zur Mitwirkung anregen.
Was ich von den Studierenden erwarte, ist, dass sie ihre eigenen Ideen einbringen, diese auf Wissen aus der Sozialen Arbeit stützen und kritisch hinterfragen. Ich lade sie außerdem dazu ein, nicht nur die behandelten Themen zu reflektieren, sondern auch meine Lehre, da mir dieses Feedback hilft, den Kurs kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Letztlich möchte ich, dass die Studierenden den Kurs mit der Fähigkeit verlassen, soziale Realitäten kritisch zu hinterfragen und ihnen reflektiert, offen und ohne Vorurteile zu begegnen.

Ausblick

Auf welche Momente oder Aktivitäten während Ihrer Gastprofessur freuen Sie sich besonders?

Während meiner Zeit an der EHB freue ich mich besonders auf Momente, in denen wir gemeinsam mit Studierenden Wissen erarbeiten können. Wenn wir beispielsweise im Rahmen einer Literaturrecherche eine Lücke identifizieren, halte ich es für wertvoll, diese in ein kleines Forschungsprojekt weiterzuentwickeln. Aus Neugier gemeinsam etwas entstehen zu lassen, gehört für mich zu den bedeutendsten Aspekten der Lehre.

Ich freue mich außerdem darauf, internationale Verbindungen zu stärken und mich mit unterschiedlichen Perspektiven darauf auseinanderzusetzen, wie geschlechterbezogene Themen in verschiedenen sozialen, kulturellen und politischen Kontexten Gestalt annehmen.

Über den Seminarraum hinaus schätze ich den akademischen Austausch mit Studierenden und Kolleg:innen sehr, da aus solchen Gesprächen oft neue Fragen, Ideen und mögliche Kooperationen entstehen. Für mich ist dies der Ort, an dem Lehre, Lernen und Forschung ganz selbstverständlich zusammenkommen.

Dr. Orbay, vielen Dank für das Gespräch.

Ihre Ansprechperson

© EHB, Foto: Florian von Ploetz

Sibylle Baluschek, M.A.

Position Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Stabsstelle

Arbeitsbereich(e) Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,  Wissenschaftskommunikation,  Contentbeauftragte Webseite,  Sprecherin Wahlgremium Frauenbeauftragte

Telefon +49 (0) 30 845 82 262

E-Mail sibylle.baluschek@eh-berlin.de

Büro A 109, A-Gebäude

Sprechzeiten Montag bis Donnerstag ganztägig

© Ismail Orbay

Dr. Ismail Orbay

Position DAAD-Gastdozent im Studiengang Soziale Arbeit

E-Mail ismail.orbay@eh-berlin.de

Büro EHB-Heimat 27, 1. OG, Raum G 204

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